Das Klischee von den teuren Senioren


Bei Diskussionen über die Kosten im Gesundheitswesen wird ständig auf die demografische Entwicklung verwiesen. Aufgrund der zunehmenden Zahl älterer Menschen komme eine Kostenlawine auf uns, heißt es. Dies war bis jetzt unbestritten, obwohl es niemand nachweisen konnte. Es wurde einfach behauptet. Selbst der Hinweis darauf, dass es aus den USA anderslautende Meldungen gebe, wurde ignoriert.

Jetzt zeigt eine Studie der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften ein anderes Ergebnis auf. Danach nehmen Senioren meist weniger kostenintensive Therapien wahr als jüngere Menschen, die an der gleichen Krankheit leiden.

Insgesamt wurden Krankenhausdaten von über 430.000 AOK-Patienten in Westfalen-Lippe und Thüringen ausgewertet. Bei der Auswertung ergab sich zunächst, dass nahezu 40 Prozent der Gesamtkosten für Krankenhausbehandlungen für nur zehn Prozent aller Patienten aufgewendet werden. Die teuersten Behandlungen erhalten sterbenskranke Frauen im Alter zwischen 20 und 49 Jahren in den westdeutschen Krankenhäusern. Die Kosten lagen 1997 mit rund 36.300 Mark um das Vier- bis Fünffache über denen für Frauen mit eindeutigeren Überlebenschancen.

Ab dem 60. Lebensjahr nehmen die Ausgaben zur Behandlung von lebensbedrohlichen Erkrankungen laut Studie deutlich ab. Ein über 90 Jahre alter Patient verursache in Ost und West nur knapp die Hälfte der Klinikkosten eines 65- bis 69-jährigen Patienten, wird berichtet. Allerdings seien die Ursachen dieser Entwicklung noch nicht klar. Geringere Kosten könnten auf Rationierungen und den Verzicht auf die optimale medizinische Versorgung hinweisen. Sie könnten aber auch mit den Wünschen älterer Menschen nach weniger intensiven und damit meist auch Kosten sparenden Therapien zusammenhängen. Hier muss also noch weiter geforscht werden.

Die Wissenschaftler stellten fest, dass das medizinische Wissen über die optimale Behandlung alter Menschen vergleichsweise gering sei, weil in klinischen Studien Männer und Frauen über 65 Jahre wie beispielsweise auch Kleinkinder gar nicht berücksichtigt würden. Das bestätigt die Vermutung, dass ältere Menschen bei allen Untersuchungen und Studien ausgeklammert werden, obwohl ihre Zahl immer weiter zunimmt. Ärzte könnten glauben, so wird berichtet, dass der Tod eines älteren Menschen durch eine körperlich zu stark belastende Therapie leicht als medizinischer Fehler gewertet werde. Betroffene erhielten daher eher eine palliative, also eine die Beschwerden einer Krankheit lindernde, aber nicht ihre Ursache bekämpfende Medizin als eine aggressive medizinische Therapie. Natürlich ist das nur eine Vermutung, aber keine Deutung, warum die Kosten im Alter geringer sind.

Fest steht jedoch, dass damit erstmalig neue Tatbestände bekannt werden, die dem Klischee von den teuren Senioren bei den Kosten im Gesundheitswesen widersprechen! Man kann nur hoffen, dass diese auch zur Kenntnis genommen werden, damit das Märchen von den hohe Kosten erzeugenden Senioren vom Tisch kommt. Denn die wachsende Zahl älterer Menschen muss nicht zwangsläufig zu mehr Kosten führen.

 

Quelle: VdK Zeitung - Ausgabe Niedersachsen-Bremen - Februar 2003